Politik muss endlich handeln / IG BCE Bayern verabschiedet Positionspapier / Stimmen aus der Chemie-Industrie

Endlose Großbaustelle Energiewende in Bayern

Drei Jahre nach dem Start des Mammutprojekts Energiewende drängt vor allem im „Atomstromland“ Bayern die Zeit: Immer noch fehlen für die Öffentlichkeit transparente Pläne wie die Ausfälle ersetzt werden sollen. „Hier hat die Staatsregierung versagt“, kritisiert IG-BCE-Landesbezirksleiter Seppel Kraus. Denn ohne diese Transparenz besteht auch für die Industrie keine Planungssicherheit.

IG BCE

Energiewende - jetzt und bezahlbar

Nicht zuletzt deshalb warnt die IG BCE in ihrem vom Landesbezirksvorstand beschlossenen Positionspapier zur Energiewende in Bayern: „Die Staatsregierung gefährdet dadurch Investitionen und damit Arbeitsplätze.“ Sie fordert, dass die Staatsregierung den Stand der Umsetzung ihrer Ziele des Bayerischen Energiekonzepts „Energie innovativ“ veröffentlicht.
Schließlich verspricht das ehrgeizige Konzept die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energien und spätestens 2022 raus aus der Atomenergie. Die Herausforderung an die ambitionierte Energiepolitik: Knapp 50 Prozent des Stromverbrauchs stammen bisher aus der Kernenergie. Selbst bei Erfüllung der Ziele bleibt eine Versorgungslücke von 30 Prozent. Seppel Kraus: "Ohne zusätzliche Kraftwerke und Trassen ist diese nicht zu decken." Zum Thema Stromtrassen, dem „Flaschenhals“ der Energiewende, fordert die IG BCE deshalb frühzeitige Bürgerbeteiligung und ebenfalls mehr Transparenz. Denn nur so sei die Unterstützung der Bevölkerung zu erhalten. Die Argumente der Bürgerinitiativen müssen geprüft werden. Falls nötig sollen anstehende Entscheidungen korrigiert werden.

Auch im schwäbischen Industriepark Gersthofen, mit 1.200 Arbeitsplätzen einer der größten Arbeitgeber in der Region, bereitet der bevorstehende Atomausstieg den Unternehmen der Chemiebranche Sorgen. „Es gibt derzeit keine Sicherheit, dass hier dann genügend Strom ankommt“, sagt Torsten Falke, Bezirksleiter der IG BCE in Augsburg. Diese Sicherheit ist aber die Existenzgrundlage für die zwölf energieintensiven Betriebe der chemischen Industrie dort. Denn jedes Jahr werden jährlich 300 Gigawattstunden verbraucht.
„Energie ist bei uns das Topthema“, betont auch Betriebsratsvorsitzender Richard Tschernatsch von Clariant. Verschärft hat sich die Situation für die Unternehmen im Industriepark auf dem ehemaligen Hoechst-Gelände noch durch die Stellenstreichung bei Invista. Dadurch reduzieren sich die Einnahmen beim Standortdienstleister IGS. „Zwei Drittel der deshalb notwendigen Sparmaßnahmen haben wir durch technische Änderungen geschafft. Das letzte Drittel holt das Unternehmen aber nur mit einem Personalabbau herein“, sagt Kamillus Frank, der Betriebsratsvorsitzender der Industriepark Gersthofen Servicegesellschaft (IGS). Dabei möchte man sich vor allem der Altersteilzeitmodelle bedienen, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. „Die Energiewende ist so zu planen, dass die Netzsicherheit und die lückenlose Versorgung gewährleistet bleibt“, fordert er.

Damit die Wende Wirklichkeit wird ist sie bei der Wacker Chemie AG in Burghausen längst Schwerpunktthema. So kommen Silicone von Wacker in Windkraftanlagen zum Einsatz. Außerdem produziert das Werk Polysilicium. Silizium ist der wichtigste Rohstoff für die Herstellung herkömmlicher Solarzellen. Der Konzern ist damit der zweitgrößte Siliziumhersteller der Welt. „Die größte Befürchtung für uns ist ein steigender Strompreis für die Produktion“, sagt Betriebsratsvorsitzender Anton Eisenacker.
Für das besonders energieintensive Unternehmen sind die Stromkosten von entscheidender Bedeutung. Denn an den deutschen Produktionsstandorten verbraucht Wacker pro Jahr etwa drei Terrawattstunden (TWh) Strom. Das ist etwa ein halbes Prozent des gesamten Strombedarfs hierzulande. Eine sichere und bezahlbare Energieversorgung ist deshalb für die Wettbewerbsfähigkeit der Produktion überlebenswichtig. „Das eigene Kraftwerk versorgt unser Werk zwar auch mit Dampf und Strom, kann aber unseren Strombedarf nur zu rund 50 Prozent abdecken“, betont Eisenacker.
„Für große Teile der bayerischen Industrie sind bezahlbare Energiepreise ein wichtiger Wettbewerbsfaktor“, unterstreicht auch Dr. Rudolf Staudigl, Vorsitzender des Vorstands der Wacker Chemie. „Zu einer schleichenden Deindustrialisierung darf es auf keinen Fall kommen“, warnt er.

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