Digitalisierung und Industrie 4.0

Technik allein reicht nicht

Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Durch den Einsatz modernster Informations- und Kommunikationstechnologie wird sich in einigen Jahren nahezu jeder Arbeitsplatz verändert haben. Damit aus der technischen auch eine soziale Revolution wird, heißt es: Jetzt handeln!

Christian Burkert

Conti-Tech / Hannover Produktion bei der Conti-Tech in Hannover
23.11.2017
  • Von: Wolfgang Lenders
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Beim Thema Digitalisierung und Industrie 4.0 denken die meisten Menschen wahrscheinlich an die Branchen, in denen Hightech allgegenwärtig ist: etwa an die Pharmaindustrie. Die gigantische Revolution aber, in der sich die Arbeitswelt gerade befindet, wird viel, viel weitergehen. Experten prognostizieren, dass von der Vernetzung und Verzahnung nahezu alle Geschäftsbereiche der Unternehmen betroffen sein werden – und damit auch die Menschen, die dort arbeiten.

Wie weit sind die in der IG BCE vertretenen Branchen auf dem Weg zu Industrie 4.0? Wie erleben Betriebsräte die Veränderungen in ihrer alltäglichen Arbeit? Welche Anforderungen müssen erfüllt sein, damit Industrie 4.0 nicht nur wirtschaftlich ein Erfolg wird, sondern auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer? Auf diese Fragen versucht das Buch "Digitalisierung und Industrie 4.0 – Technik allein reicht nicht", das anlässlich des Kongresses der IG BCE im Oktober erschienen ist, erste Anworten zu geben.

In der Kautschukverarbeitung funktioniert einiges noch wie eh und je. Maschinen, die 30, 40 oder auch 50 Jahre alt sind, sind in vielen Betrieben allgegenwärtig. Und trotzdem hat sich vieles verändert. Seit einigen Jahrzehnten sind Stück für Stück computergestützte Produktionstechniken hinzugekommen. "Die Digitalisierung ist ein schleichender Prozess, der sich über die letzten 20 Jahre hingezogen hat", sagt Dirk Nordmann, Betriebsratsvorsitzender bei Conti-Tech in Hannover. "Wir als Betriebsrat befürchten, dass jetzt die Änderungen nicht mehr so peu à peu kommen, sondern der Prozess schneller werden könnte."

Auf Initiative der IG BCE haben – mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung – Forscher des VDI Technologiezentrums und der TU Dortmund die Situation in ausgewählten Branchen untersucht. Ihre Aufgabe war es, Auswirkungen neuer Technologien auf Prozessinnovationen, Arbeitsorganisation, Arbeitsbedingungen und Qualifizierung zu identifizieren und Vorschläge zu erarbeiten für Kernelemente einer Innovations- und Arbeitspolitik, die sowohl technologische als auch soziale Innovationsprozesse vorantreibt. Die Ergebnisse sind eingeflossen in ein Buch, das der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis herausgegeben hat. Titel: "Digitalisierung und Industrie 4.0 – Technik allein reicht nicht".

Jonathan Niehaus von der TU Dortmund hat die Situation in der Kautschukindustrie zusammengefasst. Dort gibt es einen großen Anteil an Einfacharbeit und entsprechend vielen Beschäftigten mit niedriger Qualifikation. Trotzdem gebe es einen Trend zur Höherqualifizierung, die Branche stehe vor tief greifenden sozialen Reorganisationsprozessen. Die Stimmung in der Branche im Kontext der Digitalisierung und der Debatte um Industrie 4.0 beschreiben die Forscher als "nüchtern". Grundsätzlich sei aber ein Interesse an digitaler Produktionstechnologie vorhanden. Angesichts der teilweise sehr alten Technik richten sich die Digitalisierungsbemühungen vieler Unternehmen zunächst auf Vertrieb, Forschung und Entwicklung sowie Logistik. Konkret untersuchten die Forscher der TU Dortmund zwei Betriebe. Wenn dort in der Produktion digitalisiert wurde, richtete sich das vor allem auf die systematische Integration und Auswertung der im Wertschöpfungsprozess anfallenden Daten. Schwierigkeiten bereitete bei einem Hersteller von Antriebselementen die unheimliche Vielzahl an unterschiedlichen Produkten. Ansätze zur Digitalisierung gab es in den Betrieben zum Beispiel im Bereich Maschineneinstellung.

Der Druck, weiter zu digitalisieren und zu vernetzen, ist insbesondere auf Zulieferer der Automobilindustrie wie ContiTech groß. Dabei geht es auch um die Vernetzung  von Produktionsanlagen und -standorten. "In den nächsten zwei bis fünf Jahren dürfte da viel passieren", sagt etwa Dirk Nordmann. Jetzt schon gibt es ein System, über das das Unternehmen Aufträge weltweit verteilen kann. "Mal angenommen, es wird ein Keilriemen in einer bestimmten Größe und Stückzahl benötigt und wir hier in Deutschland sind ausgelastet, dann können die Kollegen in der Zentrale weltweit gucken, wo noch Kapazitäten frei sind. Das ist für das Unternehmen natürlich ein großer Vorteil, so lassen sich freie Kapazitäten praktisch zu 100 Prozent ausnutzen."

Prognosen zufolge wird es zu einer Digitalisierung und Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette kommen. Computer werden auch an solchen Arbeitsplätzen allgegenwärtig sein, wo das bislang noch nicht der Fall ist. Sie werden Entscheidungen übernehmen, die jetzt noch Menschen treffen. Und sie werden auch über Betriebsgrenzen hinweg miteinander kommunizieren können. Viele Produkte werden sich nicht nur über den Prozess ihrer Herstellung hinweg begleiten lassen, sondern auch über ihre gesamte Nutzung hinweg bis hin zum Recycling ihrer Bestandteile.

Was möglich sein wird, klingt faszinierend. Der alles entscheidende Punkt ist aber: Wie wird sich die Entwicklung auf die Menschen auswirken? Für die IG BCE ist die Gestaltung der Digitalisierung eine strategische Querschnittsaufgabe – einen entsprechenden Antrag haben die Delegierten beim Gewerkschaftskongress im Oktober beschlossen. "Ziel der IG BCE ist es, durch ei-genes Handeln auf Betriebs- und Branchenebene und mit den Möglichkeiten von Mitbestimmung und Tarifvertrag die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, um die Arbeits- und Lebensbedingungen unserer Mitglieder weiter zu verbessern", heißt es dort. Bedeutende Aufgaben sind etwa der Erhalt und Ausbau der Tarifsysteme sowie der Dialog mit Politik und Wirtschaft: Um Normen und Standards einzufordern, die soziale und ökonomische Risiken der Digitalisierung minimieren.

Ein Beispiel: Datenschutz. In einer digitalisierten Arbeitsumgebung fallen permanent Daten an. "Die Verfügbarkeit einer großen Menge von Daten über den einzelnen Arbeitnehmer bringt die Gefahr mit sich, dass der  Arbeitgeber sie grundsätzlich nach Belieben auswerten kann", schreibt der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis, in dem Buch. "Dies werden wir nicht zulassen. Wir fordern Transparenz in der Datenerhebung und klare Mitbestimmungsrechte."

Das ganz große Thema aber ist, dass die Unternehmen die Beschäftigten nicht alleine lassen dürfen auf dem Weg hin zu Industrie 4.0. Bislang war die Entwicklung meist langsam genug, dass der Großteil der Menschen mitgehen konnte. "Die Beschäftigten sind in dem Prozess mit gewachsen, sie haben sich mit den neuen Aufgaben vertraut gemacht", sagt etwa Dirk Nordmann. Trotzdem habe es bei ContiTech immer wieder Fälle gegeben, in denen vor allem ältere  Kollegen nicht mehr mit der neuen Technik klargekommen seien und der Betriebsrat sich für sie einsetzen musste, damit sie die Zeit bis zur Rente – oft nur ein oder zwei Jahre – überbrücken konnten. In Zukunft könnten mehr Menschen solche Probleme bekommen, befürchtet Nordmann. "Langsame Veränderungen wird es nicht mehr geben, eher Umbrüche. Da müssen wir die Menschen mitnehmen."

Dass das gelingt, dafür sieht Michael Vassiliadis die Unternehmen in der Verantwortung. "Sie müssen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Beschäftigten sich an die veränderten Arbeitsbedingungen anpassen können", schreibt er. "Sie benötigen zeitliche Freiräume, um sich weiter zu qualifizieren, und dabei müssen die materiellen Voraussetzungen stimmen. Die IG BCE wird durch ihre Tarifpolitik die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen."

Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, wie die Arbeitswelt von morgen aussehen wird. Denn es gilt, sie erst noch zu gestalten. Michael Vassiliadis: "Es ist Zeit für eine Offensive für Gute Arbeit in der digitalen Arbeitswelt, die die Beteiligungs- und Schutzrechte der Beschäftigten sichert."

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