47. Recklinghäuser Tagung

Mehr Vielfalt wagen

Rund 400 Gewerkschafter aus ganz Deutschland kamen traditionell am ersten Dezemberwochenende nach Recklinghausen, um sich zu den wichtigen, aktuellen Themen der Migration und Integration auszutauschen. Mit Blick auf die Betriebsratswahlen 2018 lautete das Motto der diesjährigen Migrationstagung der IG BCE: „Unsere Mitbestimmung heißt: Mehr Vielfalt wagen.“

Frank Rogner

etra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE: „Wer die Vielfältigkeit anerkennt und wertschätzt, der erhöht auch die Produktivität und die Identifikation.“
04.12.2017
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„Sich mit Herz und Mut für die Interessen der Arbeitnehmer einzusetzen, das ist meine Motivation, Betriebsrat zu sein“, erklärte Francesco Caricato, Betriebsrat bei der Firma Michelin in Bad Kreuznach und langjähriger Teilnehmer der Recklinghäuser Tagung. Gerechte Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen und den Schwächeren im Betrieb eine Stimme zu geben, das sei dem 53-jährigen Italiener seit jeher ein wichtiges Anliegen. 1973 kam er mit 13 Jahren aus Italien nach Deutschland, seit 31 Jahren ist er Mitglied im Betriebsrat: „Wenn man sich engagiert, sich einbringt im Betrieb, ist das auch eine Form der Integration“, beschrieb Francesco Caricato seinen Werdegang. Und damit ist er nicht der Einzige: Rund 1200 Betriebsräte im Bereich der IG BCE haben einen Migrationshintergrund.

Diese Vielfalt sei eine Stärke und bringe Vorteile, betonte daher Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE, in ihrer Begrüßung: „Wer die Vielfältigkeit anerkennt und wertschätzt, der erhöht auch die Produktivität und die Identifikation.“ Auch die Gewerkschaft profitiere von Mitgliedern mit einem vielfältigen Background, der immer „neue Blickwinkel, neue Impulse“ mit sich bringe. Doch es gebe politische Kräfte in der Gesellschaft, die diese Vielfalt ablehnten. Daher gelte es, auch bei den Betriebsratswahlen aufzupassen und die eigenen Werte starkzumachen, so Reinbold-Knape: „Ausgrenzende, nationalistische Menschen dürfen nicht Fuß fassen. Wir sind Demokratie, wir lassen das nicht zu – wir stehen für Respekt, Toleranz und Solidarität.“

  • Gewerkschaftssekretärin Regina Karsch
    Foto: 

    Frank Rogner

    Gewerkschaftssekretärin Regina Karsch stellte das Motto der Tagung vor: „Unsere Mitbestimmung heißt: Mehr Vielfalt wagen.“

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Der Bürgermeister der Stadt Recklinghausen, Christoph Tesche, dankte in seinem Grußwort der IG BCE dafür, genau diese Werte immer wieder in die Gesellschaft hineinzutragen: „Ohne Gewerkschaften könnten wir eine freiheitliche demokratische Grundordnung nicht leben.“ Bei den Themen der Integration hätte die IG BCE eine Vorbildfunktion und liefere einen wichtigen Beitrag zu einem vielfältigen Land.

Hauptredner der migrationspolitischen Tagung in diesem Jahr war der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis. In seinem Grundsatzreferat betonte er, dass es eine ständige Aufgabe sei, die gewerkschaftlichen Grundwerte – Freiheit, Gleichheit und Solidarität - immer wieder zu reflektieren, zu diskutieren, zu schärfen, um sie anwendbar zu machen für die tagtäglichen Herausforderungen. „Es ist elementar für uns, dass man die tägliche Arbeit mit der eigenen, ethischen Verortung verbindet.“ Gerade in diesen Zeiten, in denen die Parameter in der Welt sich verändert hätten – das sei ein Potenzial für Populisten. Vassiliadis bemängelte daher die zunehmende Rauheit „populistischer Überzeugungskriege“. „Was wir nicht wollen, ist das still hinzunehmen. Wir werden den politischen Kampf gegen rechtsradikale, rechtspopulistische Machenschaften aus der eigenen politischen Heimat heraus führen.“

Doch es gebe Verzerrungen in der Wahrnehmung, gerade in der Mitte der Gesellschaft, bei den Leistungsträgern, die gefährliche Auswirkungen hätten und Mythen und Radikalität bedingten. Ein enthemmter Finanzmarktkapitalismus, soziale Ungerechtigkeiten, aber auch ideologisch geführte Debatten bei der Energiewende führten zu Irritationen in der Mitte. Das sei das Einfallstor der Populisten – und bedeute gleichzeitig das Versagen der Politik, eine Vision der Zuversicht zu entwickeln: „Die Menschen haben das Gefühl, etwas stimmt nicht, ihre Probleme spielen keine Rolle.“ Um diesen Tendenzen im Betrieb entgegenzuwirken, auch hinsichtlich der Wahlen im März 2018, appellierte der Vorsitzende, Solidarität, den „genetischen Code der Gewerkschaften“, wieder erlebbar zu machen und sich nicht spalten zu lassen. In der Organisation seien 99 Nationalitäten beheimatet, Vielfalt werde als Normalität wahrgenommen, denn jeder sei hier Gewerkschafter: „Egal welchen Pass oder welchen Glauben du hast, hier ist der Treffpunkt der Demokraten der Welt.“

Frank Rogner

 Die drei Betriebsräte (von links): Ergin Kinac, Vahdettin Kilic, Francesco Caricato

Ähnlich wie ihr Vorsitzender sahen das auch die beiden türkeistämmigen Betriebsräte Vahdettin Kilic, Betriebsratsvorsitzender beim Granulathersteller Melos, und Ergin Kinac, Mitglied im Betriebsrat des Bergewerks Prosper Haniel. Das Engagement als Betriebsrat verstehen die beiden auch als gelebtes Engagement für eine demokratische Gesellschaft. „Ich habe viele Ungerechtigkeiten gesehen, deswegen wollte ich mich für die Kollegen einsetzen und gegen jede Form der Diskriminierung kämpfen“, unterstrich der 40-jährige „Kumpel“ Kinac. Vahdettin Kilic nickte zustimmend und ergänzte: „Du brauchst Überzeugung und Bereitschaft. Auch über die acht Stunden auf der Arbeit hinaus, auch in deiner Freizeit. Betriebsrat zu sein, bedeutet eine große Verantwortung zu haben.“ Denn Ziel müsse es immer sein, das Beste für die Belegschaft herauszuholen. Die Recklinghäuser Tagung der IG BCE hat deutlich gezeigt: Die Vielfalt in der betrieblichen Mitbestimmung ist gelebte Integration und ein Grundpfeiler der Demokratie.

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